Mittwoch, 22. Februar 2017
Er ist wieder da
Ich sah die beiden sofort, als ich zurück ins Hotel kam.

Eigentlich war der Abend so ähnlich verlaufen, wie der vorhergehende. Nach den Vorträgen des Tages sind wir zunächst zurück ins Hotel, um uns frisch zu machen. Und dann kam der gesellige Teil. Wieder, wie es in Bayern so üblich und wohl auch geschätzt ist, in einer urigen Kneipe mit rustikalem Essen und auch die Bedienung war rustikal.

"Alkoholfreie Getränke? Bier kannst kriegen, Mädel."

Oder Tee. Nach einem Beuteltee mit lauwarmen Wasser war mir nun gerade nicht zum Schnitzel. Somit bestellte ich mir ein kleines Helles, einen halben Liter also. Da es unser letzter gemeinsamer Abend war, luden uns unsere asiatischen Kollegen zu einem Schnäpsel ein. Ablehnung wäre grob unhöflich, an der Grenze zur Beleidigung. Kurz, ich bekam einen ordentlichen Schwips.

Schon der Vorabend hatte mich geschlaucht, der Tag hat es nicht besser gemacht und dann auch noch der viele Alkohol. Ich bestellte mir einen Kaffee, um nicht an Ort und Stelle einzuschlafen. Sobald es mir die Höflichkeit ermöglichte, brach ich auf, um ins Hotel zurückzukehren. Dankbar folgten noch ein paar andere Spaßbremsen meinem Beispiel. Mir war's egal, ich wollte nur noch ins Bett.

Und dann sah ich sie, Volker und Stefan, meine beiden Ex-Chefs.

Langjährige Leser meines Blogs erinnern sich vielleicht noch, dass ich unter Volker meinen Job als Gruppenleiterin aufgegeben habe. Für mich war das eine Befreiung, denn im Laufe der Zeit habe ich dann wiederholt festgestellt, dass mir die fachliche Arbeit dann doch mehr liegt. Mit Volker konnte ich auch nie wirklich gut zusammen arbeiten, er ist so ein typischer "Radfahrer" im Job. Ich war froh, als ich ihn loswurde.

Stefan war sein Vorgänger. Hier war das Verhältnis in vielerlei Hinsicht ein anderes. Wir waren gemeinsam auf einer Hierarchie-Stufe, als ich in dem Betrieb anfing. Er wurde dann später mein Chef und beförderte mich zur Gruppenleiterin. Seinem weiteren Höhenflug konnte und wollte ich nicht folgen, zumal der dann die Firma verließ, um richtig durchzustarten.

Seit einiger Zeit ist er nun wieder bei uns. Wir haben uns ein paarmal gesehen, gegrüßt, aber nichts miteinander zu tun gehabt. Erst kürzlich im Januar hat er mich gebeten, eine Aufgabe zu übernehmen, wobei für mich nur wenig zu tun übrig blieb. Dennoch hatte er sich überschwänglich für die Hilfe bedankt.

An dem Abend im September wollte ich nur noch ins Bett. Ich richtete meinen Blick starr auf die Fahrstühle und hoffte, mich unerkannt vorbei stehlen zu können. Sie riefen mich.

"Ach, ich habe euch gar nicht gesehen. Was macht ihr denn hier?"
"Und selbst? Komm, trink doch noch mit uns ein Gläschen."

Das sind ja alles Spesen, zahlt die Firma. Ich zögerte trotzdem, schwafelte was von müde und früh raus müssen. Stefan nahm mir meine Jacke ab, hängte sie an die Garderobe und führte mich dann zur "Tanzfläche". Einige Hotels haben ja in der Lobby diesen Quadratmeter ohne Teppich, den sie als Tanzfläche deklarieren. Die Hintergrundmusik dudelte irgendeinen langsamen Walzer und ich tanzte plötzlich mit Stefan.

"Kannst du dich noch daran erinnern, als wir das letzte mal zusammen getanzt haben?", fragte er mich.
"Was heißt das letzte mal, es war bisher das einzige Mal", hörte ich mich sagen. Wie sollte ich das vergessen. Wir waren zusammen auf dieser Weiterbildung in der Schweiz, in Davos. Als es der Firma noch gut ging und solche Weiterbildungen möglich waren. Dort hatten wir uns, natürlich in naiver Unkenntnis der Gegebenheiten, auf eine Volksabstimmung mit anschließendem Essen und Tanz verirrt.

Der Walzer hörte auf, ein Slowfox begann.
"Komm, lass uns weiter tanzen", bat ich, als ich merkte, dass Stefan zurück zu Volker wollte. Ich wollte das nicht und hoffte, dass der das Weite suchte.

"Es kommt mir vor, als wäre es gestern", nahm Stefan das Gespräch wieder auf. Mir war nicht wirklich nach Small Talk, so dass ich antwortete: "Das war vor 16 Jahren."
Fakten. So bin ich, kein Geschwätz, klare Fakten. Das schätzen die Leute an mir.
"Echt, so lange her schon? Bist du sicher?"
"Ganz sicher."
"Wie die Zeit doch so vergeht? Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange her ist."
"Es ist so lange her. Ich weiß es, weil mein Sohn in diesem Jahr 15 Jahre alt wird."

Fortsetzung folgt.
Vielleicht.