Mittwoch, 1. März 2017
Stefan
Das kann doch nicht wahr sein!

Heute hatte ich wirklich ein Wechselbad der Gefühle hinter mir. Erst dieser anstrengende Sitzungsmarathon und dann auch noch Volker an der Backe. Eigentlich hatte ich Volker ganz anders eingeschätzt. Kompetent, freundlich, everyones darling. Genau der Richtige, um meine Nachfolge in der Leitung der Gruppe zu übernehmen.

Später wurden mir andere Dinge berichtet. Volker stellte sich als richtig fiese Gestalt heraus, jedenfalls für seine Mitarbeiter. Freundlich grinsend rammt er ihnen das Messer in den Rücken. Hätte ich das eher gewusst. Ja, was wäre dann eigentlich gewesen? Ich hätte trotzdem diesen neuen Job angenommen. Die haben es ja überlebt und eine Alternative gab es nicht wirklich. Alternativlos! Alternativlos? Hm, egal.

Jetzt knabbert Volker mir schon den ganzen Abend ein Ohr ab, raspelt Süßholz und nervt.

Ist das Schicksal? Träume ich? Kann das sein? Constanze hier im Hotel? Was macht die denn hier?

"Ach, ich habe Euch gar nicht gesehen. Was macht Ihr denn hier?", lügt sie, ohne rot zu werden, als wir sie rufen. Sie sieht erschöpft aus.

Sie ist der wahre Grund, warum ich damals weggegangen bin. Nicht etwa der Wunsch, möglichst schnell Karriere zu machen. Damals, in Davos, hatte ich mich endgültig in sie verknallt. Nie konnte ich es ihr sagen, meine Liebe musste heimlich sein. Durch die Distanz wollte ich sie vergessen und meine Ehe retten.

Ja, meine Ehe. Deswegen bin ich zurückgekommen. Erst in eine andere Firma. Ich war viele Jahre dort im Top-Management. Deswegen war ich aber nach wie vor kaum zu Hause. Meine Frau stellte mir ein Ultimatum. Entweder sie oder die Firma.

Meine Tochter interessiert sich schon lange nicht mehr für mich und distanziert sich von mir. Mein Sohn macht auch so langsam Probleme. Ich bin eigentlich ein Familienmensch, habe aber keinen Draht zu meiner eigenen Familie. Nun will ich auf keinen Fall nicht auch noch meine Frau verlieren.

Dann diese Stellenausschreibung. Formell ein Abstieg, finanziell aber absolut ok. Und Abstieg bedeutet auch, mehr Zeit, mehr Zeit für die Familie.

Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich Constanze begegnete. Nicht gleich am ersten Tag. Auch hatte ich den Eindruck, dass sie versuchte, mir aus dem Weg zu gehen. Ich rief sie mal an und wollte mit ihr Mittag essen gehen. Ich wollte wissen, wie es ihr geht. Sie hatte schon mit ihren Kollegen gegessen.

Aber ein paar Tage später klappte es. Ich drängte mich auf und ging mit den Leuten aus ihrer Abteilung. Sie saß zwar neben mir, unterhielt sich aber mit anderen. Ich auch. Sie wurde erst hellhörig, als ich erzählte, dass ich zum Tanzen gehe. Beim Kaffee stand sie dann plötzlich neben mir, sie war wie ausgewechselt, freundlich, sympathisch und fragte mich aus. Zum Thema Tanzen. Welche Tanzschule, wie oft, meine Lieblingstänze etc.

Zwei Wochen später erhielt ich eine Mail von ihr, weitergeleitet von Claudia. Die beiden wohnen in der gleichen Stadt und fahren gelegentlich zusammen. Es war eine Anfrage, ob ich nicht mit meiner Frau zu einem Tanzabend mitgehen wolle.

Allerdings hatte meine Frau mich kurz vorher rausgeschmissen. Wir leben jetzt getrennt. Zumindest vorübergehend. Das war aber die Gelegenheit, diese Information unauffällig an Constanze zu übermitteln, ohne großen Tratsch in der Firma hervorzurufen. Ich wusste, dass die beiden Mädels das nicht an die große Glocke hängen würden.

Claudia antwortete nur lakonisch, dass sie eine andere Tanzpartnerin für mich hätte, aber ich ging nicht darauf ein.

Constanze meldete sich nicht, ich hatte dann erst wieder dieser Tage mit ihr zu tun. Ich bat sie, ein 8D-Team zu moderieren. Mein Chef hatte das vorgeschlagen und das wäre die Gelegenheit, wieder enger mit ihr zusammen arbeiten zu können. Dummerweise hat sie kein entsprechendes Zertifikat und hat dementsprechend abgelehnt. Obwohl sie zweifellos eine gute Moderatorin wäre. Sie hat dann umgehend die Aufgabe abgearbeitet, um die ich sie gebeten hatte. Schnell und kompetent.

Und jetzt ist sie hier, im Hotel. Ganz allein. Dummerweise hängt Volker hier noch rum und Constanze macht nicht den Eindruck, als hätte sie Lust auf einen vergnüglichen Abend. Ich habe eine Idee.

Ich nehme ihr wortlos die Jacke ab und führe sie zur Tanzfläche. Etwas Smalltalk und das Eis wird brechen, die Müdigkeit wird verfliegen. So wie damals.

Sie zickt rum, ist wortkarg. Mag sie doch nicht tanzen?  "Komm, lass uns weiter tanzen", belehrt sie mich eines Besseren.

Welch ein Glück, ich bin scheinbar nicht die Ursache ihrer Verstimmung. Wahrscheinlich war es Volker, der nun offenbar bezahlt und geht. Also noch ein Tänzchen, der Abend ist noch nicht verloren.

Ich nehme den Gesprächsfaden wieder auf.
Peng!
Was war das? Was will sie damit sagen? Sie weiß es, weil ihr Sohn 15 Jahre alt wird?
Ihr Sohn?